Brief an Oktober 2023

Lieber Oktober,

dein Kommen scheint mir so überraschend, dass ich stundenlang über meine Wachsamkeit nachdenken musste. Natürlich möchte ich dich willkommen heißen, mit dir die nächsten 31 Tage gemeinsam und produktiv verbringen, mit vollem Vertrauen und Urvertrauen.

Aber, es gibt etwas, welches mir immer merkwürdiger vorkommt: Du bist bereits da, die Temperatur entspricht der deines Bruders Juli, als ob noch Hochsommer wäre, dadurch blühen die Blumen wieder auf und alle Pflanzen wollen weiterwachsen. Kannst du mir erklären, was bei euch in eurer Familie läuft?

Wir Menschen sind eingeschränkt und können nicht alles verstehen. Aber viele von uns verstehen Politik und Geschichte. Bald haben die Landtagswahlen in Bayern, manche sind so heiß darauf, als ob die Temperatur über 37 Grad wäre.

In China ist heute „Tag der Gründung der Volksrepublik China“. Die Chinesen haben drei Tage frei. Im Jahr 1949 ist das Land in der heutigen Form entstanden. Übermorgen ist „Tag der Einheit“ in Deutschland.

Du verkörperst die Ernte, wenn du kommst, sollte auch der Erfolg dabei sein. Ist er dabei?

Wladimir Iljitsch Lenin hatte dich geliebt, weil du Ernte, Erfolg und Veränderungen bringst. Wie war es gewesen?

Was ich festgestellt habe, ist, dass deine kleinen Brüder Februar, März, April genauso wichtig und wertvoll sind, wie du. Nur wir Menschen schätzen dich, Oktober, mehr als deine kleinen Brüder, weil wir lieber die Ernte einfahren, und viele nur Erntehelfer sind, statt die Voraussetzungen für gute Ernten zu schaffen.
Wir haben Spiegel erfunden, aber wir schauen uns nicht gerne im Spiegel an. Wenn wir ein bisschen mehr mit uns selbst anfangen, würden viele von uns nicht mehr leiden, dann haben sie auch keinen Grund mehr zu lamentieren. Aber viele entscheiden sich jahrzehntelang sich bei anderen zu beschweren statt sich selbst zu ändern.

Ja klar, verstehe ich dich, du kannst nichts dafür, du musst uns Menschen auch nicht verstehen. Wenn du bereits da bist, erzähle ich dir eine Geschichte von uns Menschen.

Vorab

Wir Menschen haben überall schöne Universitäten gebaut, mit vielen Forschungseinrichtungen und Bibliotheken. Wir haben viele Experten und Fachkräfte, die alle Geschehnisse niederschreiben und archivieren.

Was ist Geschichte?

An einer Universität ging ein Geschichtsprofessor in einen Vorlesungssaal. Plötzlich tauchen zwei Schläger auf, die den Professor prügelten, bis er zu Boden fiel und sich ergab. Rasch waren sie wieder verschwunden.

Es herrschte stille im Saal.

Nach einiger Zeit erhob sich der Professor und richtete sich auf. Nachdem er sein Gesicht von Blut gereinigt hatte, sagte er zu den wartenden Studenten und Studentinnen: „Meine Damen und Herren, nehmen Sie bitte ihren Block und schreiben sie dieses Geschehnis auf.“

Nachdem jeder seine Beschreibung abgegeben hatte, las der Professor die Aufzeichnungen eine nach der anderen vor. Manche schrieben, was für ein Held ihr Professor war und wie er die beiden Männer zurückgeschlagen hatte; einige schrieben, wie würdig der Professor wäre; manche schrieben sogar, es wären drei Angreifer gewesen.

Der Professor ließ die Papiere auf seinen Tisch fallen und sagte ernsthaft zu seinen Studenten: „Meine Damen und Herren, das ist die Geschichte.“

Lieber Oktober, so ist unsere Menschheit.

Lass uns auf einer anderen Ebene wahrhaftig kennenlernen.
Ich bin bereit mit dir liebevoll umzugehen und dich jeden Tag zu umarmen.

Deine Lian