Plastiktüte – Mensch

Sommer 1995 in Teneriffa

Die Meeresbrise streifte sanft durch die Straßen und Gassen und trug sie — eine Plastiktüte — ziellos umher. Mal wurde sie plötzlich gegen einen alten Zaun gedrückt und wirbelte an einem Spalt entlang, mal fegte der Wind sie in eine Ecke. Kurz drauf wurde aus der Ecke getrieben, im nächsten Moment blieb sie am harten Bordstein hängen.

Obwohl die Autos auf der Straße langsam fuhren, hob sie ein vorbeiziehendes Rad wieder an und sie ließ sich von der lauten Fahrbahn auf den überfüllten Gehweg treiben.

Auf und ab, immer wieder — als wäre sie völlig frei, ohne jede Fessel.
Als besäße sie wirklich die unbeschwerte Form der Freiheit.

Die Passanten eilten an ihr vorbei. Manche traten sogar auf sie. Für die meisten war sie nur ein vom Wind getriebener Fremder, deswegen wurde sie kaum beobachtet.

Ein paar kleine Kinder blickten ihr mit einem witzigen Lächeln nach. Um sie zu vermeiden, sprangen sie hin und her. Doch zwei Kinder schauten ihr interessiert zu, das waren mein fast vierjähriger Sohn und meine fast zweijährige Tochter.

Meine Gedanken flogen auch mit ihr. Zuerst mit einer Bewunderung auf ihre scheinbare Ungebundenheit, dass sie sich noch freier bewegt als ein Vogel. Vögel fliegen sofort weg, wenn Menschen kommen, sie nicht. Sie kümmert sich auch nicht darum, ob sie stört.


Danach kamen weitere Gedanken:

Diese Plastik Freiheit, so ungezügelt sie wirkte, war von Anfang an nur eine Passivität; für Menschen eine Illusion.

Diese Plastiktüte hatte doch keine Freiheit, sie hat nie eine Richtung gewählt, nie ihr Schicksal bestimmt. Wenn der Wind stark da ist, wird sie willenlos in die Höhe gerissen und herumgewirbelt. Wenn der Wind sanft ist, fiel sie hilflos zu Boden.

Sie scheint sich von allen Fesseln gelöst zu haben, doch die Wahrheit ist, dass sie sich vollständig einer unkontrollierbaren Außenwelt ausgeliefert hat.

Als ich meine Kinder beobachtete, kamen noch weitere Gedanken:

Menschen lassen sich gerne verbinden, auch wenn es mit Arbeit und Verantwortung zu tun hat. Wenn sich jemand seiner Verbundenheit bewusst ist, erledigt er die damit verbundenen Aufgaben mit inneren Antriebkräften, dabei hat er auch seine Freude. Wenn jemand sich dieser schönen Verbundenheit nicht bewusst ist, hat er viele berechnende Gedanken. Diese sind wie eine Säge auf seinen Nerven, jedes Geben tut ihm weh, jede Aufgabe ist ihm eine Last, jeder Handschlag ist mit Mühe verbunden.   

Die äußeren Reize wirken auf ihn wie der Wind, wie jedes Schweben der Plastiktüte ein passives Mitgerissen-Werden, jedes Verweilen ein erzwungenes Innehalten. Er will seine Freiheit, hat aber wieder Angst davor, frei zu sein. Er steht sich selbst im Weg. Durch dieses Hin und Her verliert er viele seiner Energie und Elan.

Plötzlich flog die Plastiktüte an mir vorbei, ich versuchte sie zu fangen, um zu sagen, dass ich ihre Botschaft verstanden hatte. Es gelang mir nicht.

Ich spürte mein Mitleid mit ihr: Ihre Freiheit, die sie hat, war nichts weiter als ein Sich-Treibenlassen nach dem Verlust jeder Selbstbestimmung. Sie hat nur eine Scheinfreiheit.

Wie unterscheidet sich die wahre Freiheit von dieser Scheinfreiheit? Ich ließ meine Gedanken fliegen, wie die Tüte. Ich stellte mir die Fragen, versuchte meine Antworten zu finden. 

Viele Menschen wollen doch heiraten, damit sie sich verbunden fühlen. Viele lassen sich dann trennen, damit sie ihre Freiheit wieder haben. Aber viele Erwachsene können ihre Freiheit nicht genießen, sobald sie frei sind, befinden sie sich gleich auf der Suche nach einer neuen Beziehung. Gerade solche Menschen, verlangen von den Kindern, dass sie selbständig sein sollen.

Irgendetwas ist in uns Menschen komisch. Wenn sie allein sind, sehnen sie sich nach Beziehung. Sobald sie in einer Beziehung sind, sehnen sie sich wieder nach Freiheit.

  • Woran liegt das?
  • Was wollen wir wirklich in unserem kurzen Leben erreichen?
  • Wie schaffen wir Verbundenheit mit Freiheit ausgewogen zu halten?
  • Wo liegt die wahre Freiheit?
  • Menschen möchte so gerne glücklich sein, wo liegt das Glücklichsein?

Die Fragen sprudeln so schnell und dynamisch, wie die Wellen am Strand. Ich fand nicht gleich klare Antworten. 

Aber eins war mir klar geworden: Glück findet man nicht in der Beziehung. Der Grund: Menschen gehen in eine Beziehung, um miteinander glücklich verbunden zu sein, sie gehen wieder auseinander, auch um glücklich zu leben.

Verfallen wir Menschen nicht oft demselben Irrtum, wie diese Tüte? So fragte ich mich weiter: Sind wir Menschen nicht auch von irgendetwas getrieben, wie diese Tüte?   

Halten wir manchmal nicht Zerstreutheit für Ungezwungenheit, Umherirren für Freiheit?

Vielleicht liegt wahre Freiheit und Freude in uns selbst. Vielleicht ist wahres Glück jederzeit überall, welches wartend bis wir es entdecken.

Ein haltloses Umherwehen ist sicherlich keine Freiheit.


Während ich in diesen Gedanken tief versank, erfasste plötzlich eine kräftige Meeresböe die Tüte, trug sie rasch auf die andere Straßenseite und ließ sie in Richtung Strand davonfliegen, bis ich sie nicht mehr sehen konnte.

Ob diese vom Wind solange umhergetriebene Plastiktüte ihre unfreiwillige Reise nun endlich beenden konnte, ob sie im Meer landet, konnte ich nicht mehr wissen. Ob sie irgendwo hängen blieb, oder einen Ort fand, an dem sie zur Ruhe kommt, bleibt für mich auch ein Rätsel.

Aber eines ist mir klar geworden:
Ihre Bewegung entschied der Wind.
Sie fällt, wenn der Wind ruht —
ihre Anwesenheit war reine Passivität.


Vielleicht sollte auch unser eigenes Leben nicht vom Schicksal hin- und hergerissen werden, nicht von äußeren Kräften bestimmt, nicht von Umständen gelenkt!

Vielleicht können wir alle versuchen, unseren eigenen Kurs teilweise fest in der Hand zu halten — und so klarer, wacher und selbstbestimmter leben!

Für mich werde ich dies nicht ausschließen.

Eure Lian